Fa. I .Ginzkey - 1

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1. Vom Handwebersohn zum Groβindustriellen.

Ignaz Ginzkey entstammte einer alteingesessenen Maffersdorfer Familie. Die Reihe seiner Vorfahren läβt sich bis zum Jahre 1611 zurückverfolgen. Er wurde am 25.6.1819 als 4. von sechs lebenden Kindern der Eheleute Jakob Ignaz Ginzkey und Helene geb. Kretschmer in eine harte und entbehrungsreiche Jugend hineingeboren. Der Vater betrieb eine Feldgärtnerei und nebenbei eine Handweberei und Tuchleistenspinnerei. Nach sechs Jahren an der damals zwei-klassigen Pfarrschule in Maffersdorf wurde Ignaz für ein Jahr zur Erlernung der tschechischen Sprache ins tschechische Sprachgebiet geschickt. Danach erlernte er beim Vater, der einen Webstuhl betrieb, die Weberei. Die gefertigte Ware muβte der Knabe im schweren Tragkorb zum Verkauf nach Reichenberg bringen.

In jenen Jahren brachte der Beginn der Industrialisierung im Ausland die heimische Erzeugung und damit auch die Familie Ginzkey in groβe Schwierigkeiten und Not. Der Besitz muβte verkauft werden, der Familie blieb nur das Wohnrecht. 1841 erlag der älteste Sohn einem Schlaganfall und am 2.3.1843 starb auch der Vater.

Nun war Ignaz mit 24 Jahren das Haupt der Familie und damit auch mit der Sorgepflicht für diese belastet. Sein Hauptziel sah er im Rückerwerb des väterlichen Besitzes. Dies war mit der Wollwarenerzeugung auf einem Stuhl nicht zu erreichen. Er schuf daher die Voraussetzungen zum Übergang auf andere Textilbranchen, nämlich Teppiche und Decken.

Bereits am 12.3.1843 stellte Ignaz Ginzkey den ersten Teppichstuhl mit Jacquardmaschine auf, dem im Herbst desselben Jahres der zweite folgte.

Das war der Beginn eines sehr harten, doch schlieβlich erfolgreichen Weges in die Zukunft.

Über den weiteren Werdegang Ignaz Ginzkeys und seiner Fabrik möchte ich nun den letzten Pfarrer Maffersdorfs vor der Vertreibung zu Wort kommen lassen, Dechant Peter Bichler.

Am 25.6.1943 hielt er anläβlich des 100jährigen Bestandes der Fa. I. Ginzkey bei der kirchlichen Gedenkfeier die Festpredigt, die er den Enkeln des Verstorbenen I. Ginzkey gewidmet hatte. Daraus möchte ich einige Sätze zitieren.

"... Der junge Ignaz Ginzkey war fraglos umsichtig und zäh. Schon am 12.3.1843 hatte er im elterlichen Hause Nr. 612 den ersten Teppichstuhl mit Jacquard-Maschine (so genannt nach dem französischen Erfinder Jacquard 1808 in Lyon) aufgestellt. Zur Unterbringung dieser Maschine muβte der Fuβboden vertieft werden. Anno 1845 stellte er den ersten Deckenstuhl auf. Die Quälereien der Gläubiger, wegen einer Schuld von 2000 Gulden vom Vater her hemmten wohl den jungen Streber einige Zeit, aber sie beugten ihn nicht. Hinter seinem Rücken hatten die Habgierigen schon 1841 sein Heim verschachert; ihn selber quälte man weiter nach des Vaters Tode. Da verlieβ Ignaz im Oktober 1847 verärgert das Heimathaus seiner Vorfahren und mietete in Maffersdorf r.N. das Gebäude Nr.111, damals eine Scheune, rechts unterhalb unserer Kirche, ohne freilich zu ahnen, daβ auf dieser gemieteten Scholle sein Aufstieg zu ungeahnter Gröβe, zu einer späteren Weltfirma erfolgen sollte.

Am 27.4.1847 hatte er sich vermählt mit Julia geb. Bergmann aus der Maffersdorfer "Schänke" l.N. Nr. 137, heute 537, allen Schwierigkeiten zum Trotz - ohne jede Mitgift! Zwei ganze Thaler, Geschenk der Taufpatin, bildeten der Braut ganzes Vermögen, wenn man nicht beachtet, was diese heiβ erkämpfte Braut aus dem schlichten Dorfe, an seelischer Ausrüstung in ihrem Herzen trug. Sie wurde zur verständnisvollen, unermüdlichen Mitarbeiterin des Gatten, und in vereintem Schaffen und Ringen sahen die jungen Menschen ihren kleinen Betrieb wachsen unter Gottes Segen; die Zahl der Arbeiter mehrte sich um Dutzende und Hunderte; sie sahen ihre Heimat aufblühen um Tausende von Menschen. Vom Jahre 1848 mit 3496 Einwohnern stieg unser Maffersdorf in 28 Jahren (1876) auf 6991 Einwohner, also um die doppelte Zahl!

Dabei hatte Ignaz Ginzkey nicht nur Eigeninteressen verfolgt für sein Haus und seinen Betrieb; er hatte das Allgemeinwohl nicht vergessen. Schon 1863 hatte er den Straβenbau nach Röchlitz energisch angepackt und vollendet; 1869 war er in die Reichenberger Handelskammer eingezogen; 1864 schon hatte Maffersdorf durch ihn seine Poststation erhalten, 1873 auch das Telegrafenamt. Die Neuerstehung der wuchtigen Brauerei 1873 war ebenfalls zum gröβten Teil sein Werk; der Gemeinde borgte er, ebenfalls 1873, zum Bau der neuen Schule (heute Marktamt) 8000 Gulden. Der heutige imponierende Schulpalast wurde 1891 errichtet, gröβtenteils von seiner Firma finanziert. Testamentarisch hatte Ignaz Ginzkey 10000 Gulden deponiert für den Zusammenschluβ der beiden Gemeinden Maffersdorf rechts und links der Neiβe. Weil dieser aber erst viel später (1901) erfolgte, wurden nach seinem Willen diese 10000 Gulden die Grundlage für die Arbeiter-Pensionskasse seiner Firma ..."

Ich möchte noch hinzufügen, daβ Ignaz Ginzkey am 3.5.1876 kurz vor seinem 59. Geburtstag einem Herzschlag erlag. Er hinterlieβ nach seinem Tode nebst seiner Gattin Julie, welche am 23.12.1909 verstarb, drei Söhne, die das Werk weiterführten, und fünf Töchter. Seine Familie kaufte 1904 das alte Haus der Vorfahren zurück.


1873 - drei Jahre vor dem Tod Ignaz Ginzkeys

 

Copyright © by Inge Schwarz 1994 (Heimatstelle Maffersdorf) 

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MAFFERSDORF - Marktgemeinde im Landkreis Reichenberg - SUDETENLAND